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Trans*ition

Der Versuch einer wertfreien Brücke zwischen medizinischer und Community-Perspektive.

Vor gut zwei Jahren wurde in der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD) festgelegt, dass Transsexualität als Geschlechtsinkongruenz im Kapitel der sexuellen Gesundheit zu finden sein wird und damit nicht mehr als psychische Krankheit gilt. Die Änderung tritt voraussichtlich 2022 in Kraft. Höchste Zeit also, in Punkto Forschung, Schulung und Aufklärung aufzuholen.

Trans*ition

Unter Transmedizin versteht man das allgemeine gesundheitliche Versorgungsprofil für Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Zu den körperlich-medizinischen Aspekten gehören dabei eine gründlichen Anamnese, Aufklärung über Wirkungen und Nebenwirkungen von hormoneller Unterstützung, Aufklärung über irreversible Maßnahmen wie Operationen, Verordnung entsprechender Hormone, laborchemische und somatische Verlaufskontrollen, Versorgung prä- sowie post-operativer Eingriffe und die Begleitung im Transitionsprozess.

Transition beschreibt den Prozess der sozialen, rechtlichen und oder medizinischen Angleichung an die individuelle Geschlechtsidentität, etwa mittels Coming Out, Namensänderung, Hormonbehandlung und oder Operationen. Die Selbsterkenntnis, trans* zu sein, wird nicht frei gewählt und die entsprechenden Gefühle, die damit verbunden sind, können nicht einfach abgestellt oder abgelegt werden.

Selbstbestimmt im eigenen Körper ankommen

Die lebensweltliche Erfahrung der betreffenden Trans*Personen hat immer Vorrang. Es geht um die Verbesserung der subjektiven Lebensqualität. Darum also, sich im eigenen Körper und der Umwelt wohl zu fühlen. Aus ärztlicher Sicht liegt die Kunst dabei nicht im Verschreiben von Hormonen, sondern in der Begleitung. Die Verantwortung ist nicht, den Klient*innen die Verantwortung abzunehmen – sie entscheiden selbst, ob sie einzelne Veränderungen und Schritte gehen wollen oder nicht.

Das binäre Modell

Im binären Modell besteht die Möglichkeit die Angleichung von einem Geschlecht, welches einer Person bei der Geburt zugeschrieben wird und mit welchem die Person wahrscheinlich sozialisiert wurde, zum binär anderen Geschlecht vorzunehmen. Also von Mann zu Frau oder umgekehrt. Bei manchen Transpatient*innen stellt sich die Zufriedenheit oft erst dann ein, wenn man im gewünschten Geschlecht als solches erkannt wird. Das „passing“, also das Durchgehen als Mann oder Frau, spielt oft eine wichtige Rolle. Auch diversere Ansätze, Betrachtungsweisen und „Modelle“ führen durch den Transitionsprozess. Näheres dazu wird in den folgenden Abschnitten umrissen.

Das Problem mit der Norm

Die Regeln einer binär-normierten Gesellschaft sind meist sehr eng definiert. Wie oft wird einem als männlich geborenem cis-Mann Effemination vorgeworfen, etwa weil er lange Haare oder Nagellack trägt, ohne sich dabei selbst als trans* zu definieren. Trans*Menschen werden von zu eng definierenden Gesellschaften immer wieder falsch gelesen. Es findet kein „passing“ statt und die gewünschten Attribute werden als ungenügend ausgeprägt empfunden. Eine geschlechtlich binär denkende, heteronormative Gesellschaft hat häufig Schwierigkeiten bei der Zuordnung. Daraus entstehen Schwierigkeiten für die trans* Person. Diese Zuordnung scheint für die meisten allerdings elementar, da sie Halt, Stabilität, Sicherheit, Klarheit und Struktur gibt.

Selbstfindung und Widerstand

Sich selbst eine sexuelle Identität aneignen, sich nicht im Binären platzieren zu müssen, bedarf eines grundlegenden Emanzipationsprozesses. Doch wovon? Er findet auf mehreren Ebenen statt: Erziehungsgeschlecht (physiognomisches Geschlecht plus Erziehung) – Identitätsfindung referenziell zur Peer-Group - Geschlechtsidentität – sexuelle Präferenz – um nur einige zu nennen. Das ist keine vollständige Abbildung des Prozesses der Emanzipierung und des Coming Out, es ist lediglich ein Versuch der Konzeptualisierung und ist keinesfalls statisch. Diese Form der Emanzipation kann sowohl als Mitgift mit Potential als auch als Belastung empfunden werden. Welche Ressourcen die Person dabei hat (bzw. mitbringt und entwickelt), in welchem Umfeld sie aufgewachsen ist, wie viel Unterstützung die Person etwa sozial oder medizinisch erhält, sind dabei entscheidende Einflussfaktoren. Nicht zuletzt hängt es davon ab, wie viel positive Resonanz und Akzeptanz eine Person erhält, um mit belastenden Situationen umzugehen und um gestärkt zu werden.

Freier Wille und Consent

Ärzt*innen, Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, medizinisch tätige Fachkräfte, Sozialarbeiter*innen, Pfleger*innen, Arzthelfer*innen, Laborassistent*innen sollen bei der Transition begleiten, aufklären, hinterfragen und unterstützen. Ohne allerdings dabei eine Gatekeeping-Funktion auszuführen und die Entscheidungen der transitionierenden Person zu blockieren. Auch für besagte Fachpersonen ist das oft nicht einfach: Zum einen sind die meisten Medical Professionals selbst in einem binären System sozialisiert und identifiziert, was das medizinische Handeln außerhalb einer binären Denkweise erschwert. Zum anderen besteht immer der Wunsch nach Absicherung. Mit der aktuellen medizinischen Leitlinie ist dieses Problem deutlich minimiert worden. Es ist wichtig, die transitionierende Person durch Informationen und Begleitung zu unterstützen, um zu informierten Entscheidungen zu befähigen.

Wo fühle ich mich zugehörig?

Wie verändert sich die Zugehörigkeit zu verschiedenen Communities wie schwul-lesbisch, cis*, trans* oder auch die Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft? Im heteronormativen Kontext sind die Coming Outs bei non-konformen Menschen eine Besonderheit in der Biografie: Es handelt sich um einen lebenslangen Prozess, der durch seine sozialen Aspekte sehr individuelle Spannungsfelder mit sich bringen kann. Fortlaufend fallen Entscheidungen an, was in welchem Kontext erzählt und preisgegeben werden soll. Sich verändernde Bedingungen und Lebensereignisse stellen immer neue Herausforderungen dar: Gesetzesänderungen, neue Beziehungskonstellationen, Migration, Arbeitsplatzwechsel oder Ortswechsel. Zudem setzen erlebte und sich ändernde Diskriminierungen und Privilegierungen immer wieder innere psychische Prozesse in Gang und machen erneute Anpassungsleistungen notwendig. Der Begriff „Stealth Leben“ bezeichnet dabei einen Teil des Lebens, welcher als angepasst und oder unsichtbar zu verstehen ist. „Stealth“ stammt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie heimlich oder unsichtbar. Für transidente Menschen beschreibt es die Situation, dass der frühere Lebensabschnitt, die Vergangenheit vor dem Prozess nicht mehr sichtbar ist.

Unterstützung und Solidarität

Das Narrativ des Geschlechts hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt. Natürlich haben die Begriffe Mann und Frau weiterhin ihre Daseinsberechtigung, aber es sind viele Schattierungen und Zwischenstufen hinzugekommen. Die binären Kategorien des Geschlechts werden durchlässiger und der Raum für gesellschaftliche Vielfalt öffnet sich zunehmend. Mehr Menschen zeigen sich und nehmen diesen Raum für sich in Anspruch. Die gesellschaftliche Konstruktion eines binären Geschlechts kann heute angezweifelt, bestritten und hinterfragt werden. Nötig sind Begleiter*innen und Helfer*innen, die auf Kooperation, auf Entwicklung von Selbstwirksamkeit und auf Fähigkeit der Selbstverantwortung setzen. Menschen, die solidarisch handeln ohne Angst vor der Veränderung, die Lebendigkeit immer mit sich bringt.

Author: Dr. Martin Viehweger
ViRo - Infektiologische Schwerpunktpraxis und Trans*medizin in Neukölln
www.viropraxis.de

Co-Author: Alexander Hahne
www.alexanderhahne.com

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